- Das Wort zum Sonntag gibt es seit 70 Jahren und ist damit eine der ältesten Sendungen des Schweizer Fernsehen.
- Urs Eigenmann, ehemaliger Pfarrer von Neuenhof, war von 1986 bis 1991 Sprecher des «Wort zum Sonntag».
- Für seine kritischen Worte erhielt er viel Lob, löste Konzessionsbeschwerden aus und bekam sogar eine Morddrohung.
Schauen Sie das «Wort zum Sonntag» im Fernsehen?
Urs Eigenmann: Ich lebe heute in Deutschland und kann die Sendung nicht mehr empfangen. Aber ich habe sie auch vorher nur unregelmässig geschaut. Zu oft war das «Wort zum Sonntag» eher eine schöngeistige Rede als ein kritischer Kommentar zur Zeit. Das interessiert mich nicht. Meine Theologie ist nicht dekorativ, sondern befreiend.
Wie waren Ihre Worte zum Sonntag?
Ich war einer der kritischen Sprecher und habe den Freiraum des Formats ausgeweitet. Aber schon vor mir hat etwa Othmar Keel mit seinen biblisch begründeten kritischen Kommentaren Kontroversen ausgelöst. Das hatte zur Folge, dass wir den Text vier Tage vor der Sendung per Post an die Redaktion schicken mussten.
Wurden Sie zensuriert?
In keiner Weise. Ich konnte alle meine Worte zum Sonntag so halten, wie ich sie der Redaktion vorgelegt hatte. Dabei liess ich mich von Peter Bichsels Rat in seiner Rede zur Einführung der neuen «Wort zum Sonntag»-Sprecher im Basler Grossratssaal leiten: «Geben Sie sich nicht dazu her, in diesem Land, in dieser Welt jenen Konsens mit herzustellen, der ein Konsens der einfachen, der einfältigen Götter ist.»
1991 hatte Ihr Wort zum Sonntag zwei Konzessionsbeschwerden zur Folge. Ihnen wurde vorgeworfen, Sie hätten eine Schmährede gegen den amerikanischen Präsidenten gehalten und einen apokalyptischen Fluch gegen ihn ausgesprochen. Was war geschehen?
Die FDP publizierte nach dem Ende des Golfkriegs Inserate mit dem Text: «Danke USA!» Ich ermutigte die Zuschauerinnen und Zuschauer mit einem Zitat von Karl Barth, als Christinnen und Christen in der einen Hand die Zeitung und in der anderen Hand die Bibel zu halten. Vor dem Hintergrund der Offenbarung des Johannes habe ich den amerikanischen Präsidenten, der sein Volk für auserwählt hielt und der Welt seinen Willen aufdrückte, entlarvt. «Gott duldet solche Grössen nicht», hatte schon der religiöse Sozialist Leonhard Ragaz formuliert. Dieses Zitat verwendete ich als Titel meines Worts zum Sonntag vom 25. Mai 1991.
Biografisches
Urs Eigenmann wurde 1946 in Bern geboren. Er hat in Luzern und Münster Theologie und Philosophie studiert und steht in der Tradition der Befreiungstheologen und der religiösen Sozialistinnen. Als Pfarrer amtete er unter anderem zwischen 1984 und 1996 in Neuenhof und Killwangen. Von 1986 bis 1991 war er Sprecher der Sendung «Wort zum Sonntag» im Schweizer Fernsehen. Seine Kritik galt dem «mittelständisch-bürgerlichen Christentum». Dies trug ihm neben viel Lob zuweilen harsche Kritik ein. Seine Worte zum Sonntag sind unter dem Titel: «Nicht im Drüben fischen. Worte zum Sonntag» im Verlag Edition Exodus, 1992, nachzulesen. Dort finden sich in einer «Nach- und Blütenlese» auch Auszüge aus den zahlreichen Zuschriften des Publikums. eme
Wurde die Beschwerde angenommen?
Nein, die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen stellte fest, dass die vorliegende Kritik konzessionsrechtlich nicht zu beanstanden sei. Eine prophetische Kritik sei per Definition machtkritisch. Ton und Diktion der Rede seien zwar unmissverständlich kritisch gewesen, aber nicht verletzend.
Wie sind Sie mit der teilweise heftigen Kritik umgegangen?
Eigenmann: Unmittelbar nach dem Wort zum Sonntag haben jeweils viele Menschen angerufen. In der Regel war deren Kritik diffamierend, oft anonym. Als Reaktion darauf habe ich die Pfarreisekretärin angewiesen, dass ich während zwei Wochen nach der Ausstrahlung telefonisch nicht zu sprechen sei. Ich habe vier Bundesordner mit schriftlichen Reaktionen dem Schweizerischen Sozialarchiv in Zürich übergeben. Diese geben einen vielfältigen Einblick in die bürgerlichen Seelen dieser Zeit. Briefe, die anständig verfasst waren, habe ich beantwortet.
Was war die krasseste Reaktion auf ein Wort zum Sonntag?
Das war eine Morddrohung. Ich hatte mich anlässlich der Diamantfeiern zur Erinnerung an die Generalmobilmachung 1939 kritisch zur Armee geäussert. Auf einer anonym zugestellten Karte wurde ich als Landesverräter bezeichnet, der mit dem KGB zusammenarbeitet. Es wurde mir gedroht, dass meine Stunde gekommen sei, wenn ich noch einmal ein Wort zum Sonntag sprechen würde.
Wie haben Sie darauf reagiert?
Ich habe im Pfarrhaus beim Fernsehen am Abend die Rollläden heruntergelassen, um mich nicht als Zielscheibe anzubieten. Ich habe mich aber nicht verbiegen lassen und meine Worte zum Sonntag nicht zensuriert.
Braucht es das «Wort zum Sonntag» heute noch?
Im deutschen Fernsehen wird das «Wort zum Sonntag» meist erst nach 22 Uhr ausgestrahlt. In der Schweiz wenden sich die Sprecherinnen und Sprecher zur besten Sendezeit an das Publikum. Es kommt darauf an, wie sie die Chance nutzen, das Zeitgeschehen aus christlicher Sicht zu kommentieren. Es darf nicht sein, dass die Zuschauenden die viereinhalb Minuten nutzen, um vor der nächsten Sendung auf die Toilette zu gehen.