- «Man weiss nie, was der Weg bereithält», sagt Bernhard Lindner. Seit vielen Jahren ist er als Pilgerleiter auf dem Jakobsweg unterwegs.
- Pilgern ist aber fast überall möglich, so auch im Freiamt, wo «Horizonte» mit Lindner einen «Crashkurs» im Pilgern gemacht hat.
- Wer Pilgergruppen leiten und begleiten möchte, erhält im neuen Ausbildungslehrgang der Fachstelle Bildung und Propstei das nötige Rüstzeug.
Vorbeifahrende Autos spritzen Wasser aufs Trottoir, am Horizont hängen schwere Wolken. Nicht gerade das Wetter, das ich mir vorgestellt hatte für meinen «Crashkurs» in Sachen Pilgern. Bernhard Lindner, Mitarbeiter der Fachstelle Bildung und Propstei, erwartet mich vor der Kirche St. Leonhard in Wohlen. Dem Regenwetter begegnet Lindner mit der Gelassenheit, die einem 25 Jahre Pilgererfahrung verleihen: «Man weiss nie, was der Weg bereithält. Aber eigentlich weiss man auch am Morgen beim Aufstehen nie, was auf einen zukommt. Meist macht man sich das nicht bewusst.»
Plötzlich fremd
Beim Pilgern ist es jedoch wichtig, die einzelnen Schritte bewusst zu machen: Aufbrechen – Unterwegssein – Ankommen. Bevor wir den Weg nach Fischbach-Göslikon unter die Füsse nehmen, verweilen wir deshalb einen Moment in der Kirche. Mit einer Pilgergruppe würde Lindner mit einem Gebet oder Lied Abschied nehmen und bewusst sagen: «Jetzt starten wir.» «Ich habe immer mal wieder erlebt, dass Leute diesen Schritt nicht machen konnten und sich im letzten Moment von einer Pilgerreise abmeldeten», sagt er. Er kann solche Blockaden nachvollziehen: «Du verlässt das Vertraute, die Geborgenheit, bist plötzlich Fremder. Das löst Unsicherheit aus.» Beim Loslassen könne es helfen, probehalber ein Stück mit dem Rucksack zu gehen und zu schauen, wie man damit zurechtkomme.
Ausbildungslehrgang «Eine Pilgergruppe leiten und begleiten»
Spirituelle Begleitung von Pilgernden bietet einen Mehrwert für alle, die sich mit ihren Anliegen und dem Wunsch nach persönlicher Entwicklung auf den Weg machen. Der Ausbildungslehrgang qualifiziert für diese anspruchsvolle Aufgabe, stellt Konzepte und Methoden vor und erprobt diese im «Learning by Doing». Die Teilnehmenden werden ermutigt, spirituell geführte Pilgerangebote selbst zu entwickeln und durchzuführen. Die Ausbildung startet mit dem 1. Modul am 24.–25. August 2024 in der Propstei Wislikofen, insgesamt sind es 8 Ausbildungstage plus Selbststudium und Vorbereitung. Leitung: Bernhard Lindner, Theologe, Lebenspilger, Supervisor BSO, und Claudia Mennen, Theologin, Leitung Wislikofer Schule für Bibliodrama und Seelsorge. Infos: , T 056 201 40 40 / , T 056 438 09 71. Anmeldung: www.propstei.ch / T 056 201 40 40 /
20 Jahre Pilgerpraxis
Wer eine Pilgergruppe leitet, muss nicht nur solche Startblockaden lösen, sondern auch die einzelnen Schritte des Pilgerns gestalten und spirituelle Prozesse vertiefen können sowie mit der Dynamik innerhalb einer Pilgergruppe umzugehen wissen. Diese Fertigkeiten zu vermitteln, ist das Ziel des neuen Ausbildungslehrgangs der Fachstelle Bildung und Propstei. Seit 20 Jahren bieten Claudia Mennen und Bernhard Lindner im Namen der Fachstelle geführte Pilgerreisen an. Nun teilen die beiden ihr Wissen und ihre Erfahrung im Ausbildungslehrgang zur Pilgerleiterin oder zum Pilgerleiter (Infos dazu in der Box).
Unser Weg führt an der St.-Anna-Kapelle in Wohlen vorbei und steigt bald immer stärker an. Auf einmal landen wir in einer Sackgasse und müssen umkehren, das Smartphone hilft uns, wieder auf den richtigen Weg zu finden. Bei seinen Pilgerreisen verwendet Lindner meist Pilgerführer, in denen der Weg beschrieben ist. In Bezug auf Smartphones stellt er bei seinen Pilgerreisen keine Regeln auf. Es könne aber sinnvoll sein, als Pilgerleiter den Umgang damit zu thematisieren, sagt Lindner.
Glaubens- statt Touristenpfad
Der einfachste Weg nach Fischbach-Göslikon würde auf der Fischbacherstrasse durch die Felder führen. Doch wir entscheiden uns, auf einem schmalen Pfad quer durch den Wald zu gehen. Wegweiser sind vorerst keine zu sehen. Bekannte Sehenswürdigkeiten wie der Erdmannlistein oder das Fischbacher Moos steuern wir nicht an, unser Ziel ist die Kirche in Fischbach-Göslikon. Zwar sei es nicht zwingend, einen Wallfahrtsort oder ein spirituelles Zentrum als Ziel einer Pilgerreise zu nehmen, sagt Bernhard Lindner. Doch der Umstand, sich auf Wegen zu bewegen, auf denen seit Jahrhunderten Gläubige pilgern, sei Teil der Pilgererfahrung: «Pilger gehen Glaubenswege.»
Eine Übung im Vertrauen
Das Leiten einer Pilgergruppe unterscheide sich wesentlich von der Tätigkeit eines herkömmlichen Reiseleiters, erklärt Bernhard Lindner. Während eine Reiseleitung dafür besorgt ist, dass von der Hotelbuchung bis zum Gepäcktransport alles perfekt organisiert ist, lässt Lindner als Pilgerleiter manche Dinge bewusst ungeplant: «Auf dem spanischen Jakobsweg zum Beispiel hat es so viele Unterkünfte, dass ich manchmal erst einige Stunden vorher anrufe und meine Gruppe ankündige.» Mittlerweile mache ihn diese Ungewissheit nicht mehr nervös, sagt Lindner, eine Lösung habe sich noch jedes Mal gefunden.
Dankbar für Unterkunft und Mahlzeit
Bernhard Lindner formuliert es so: «Der Tourist fordert, der Pilger bittet. Als Tourist willst du ein gutes Zimmer, das Essen muss stimmen. Als Pilger freust du dich über das, was du vorfindest.» Wenn die Teilnehmenden nach einem langen Tag beim Nachtessen sitzen, sind sie dankbar für Unterkunft und Mahlzeit. «Diese Haltung der Dankbarkeit bereichert einen auch im täglichen Leben. Das Leben ist eine Pilgerreise», sagt Lindner, der sich selber als «Lebenspilger» bezeichnet.
Immer wieder gelangen wir auf unserem Weg im Wald zwischen Wohlen und Fischbach-Göslikon zu einer Kreuzung. Unser Orientierungssinn und Google Maps sind sich nicht immer einig, sodass wir auf gut Glück einen Weg wählen.
Unsichtbares Gepäck
Bernhard Lindner hat die Erfahrung gemacht, dass Pilgerinnen und Pilger beim gemeinsamen Gehen rasch ins Gespräch kommen. Nicht nur der Körper, auch die Gedanken geraten in Bewegung, die Sicht auf die Dinge kann sich mit der Fortbewegung ändern. Pilgern kann mentale Prozesse auslösen und spirituelle Erfahrungen ermöglichen. Auch da ist eine Pilgerleiterin oder ein Pilgerleiter gefordert wahrzunehmen, wenn jemand Unterstützung braucht mit seinem «unsichtbaren Gepäck», wie es Bernhard Lindner formuliert.
Das Packen des sichtbaren Gepäcks kann aber ebenfalls eine Herausforderung sein. 10 bis 15 Prozent des Körpergewichts sollen maximal in den Rucksack. Bernhard Lindner zählt auf: «Wechselhose, wind- und wasserdichte Jacke, vielleicht einen Pullover, einige Unterhosen und Socken. Ein dickes Buch oder ein Pyjama lieber zuhause lassen.» Er selber habe zusätzlich stets seine Gitarre dabei.
Barocke Pracht in FiGö
Über der Tür der Kapelle in Fischbach-Göslikon, im Volksmund liebevoll FiGö genannt, empfängt uns der heilige Rochus. Danach betreten wir die Kirche Maria Himmelfahrt. Bewusst nehmen wir uns einen Moment Zeit, die während der Coronapandemie aufwändig renovierte barocke Pracht zu bewundern. Wir sind angekommen.