- Elisabeth Burgener wirkte während 16 Jahren für die SP im Grossen Rat des Kantons Aargau, zuletzt war sie Grossratspräsidentin.
- Anfang 2024 hat sie das Präsidium von Caritas Aargau übernommen.
- Im Interview erklärt Burgener, wie Kirche und Politik zusammenhängen und was sie denjenigen Menschen antwortet, die fragen, warum sie noch in der Kirche dabei sei.
Elisabeth Burgener, man kennt Sie im Aargau als profilierte Sozialpolitikerin und langjährige Grossrätin. Seit Anfang Jahr sind Sie Präsidentin von Caritas Aargau und verantworten damit die kirchliche Sozialarbeit. Welche Verbindung haben Sie zur Kirche?
Elisabeth Burgener: Schon als Kind und Jugendliche war ich in der Kirche aktiv. Zuerst in der Jubla Frick, danach auf der Regionalstelle von Jungwacht Blauring in St. Gallen. Dort habe ich mit der politischen Gemeinde zusammengearbeitet und gelernt, dass Kirche politisch ist. In diesem Kontext bewege ich mich auch heute.
Elisabeth Burgener
Elisabeth Burgener Brogli ist ausgebildete Werklehrerin und soziokulturelle Animatorin. Burgener war Co-Präsidentin der SP Aargau, wirkte 16 Jahre im Grossen Rat und amtetet im Jahr 2022 als Grossratspräsidentin. Die Schwerpunkte ihrer politischen Arbeit lagen in der Atommüll-, Asyl- und Sicherheitspolitik sowie in der Bildungspolitik. Zur Zeit arbeitet Burgener in Teilzeitanstellung als Werklehrerin an der Heilpädagogischen Schule in Windisch sowie als Lehrbeauftragte für Soziale Arbeit an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Muttenz und Olten. Anfang 2024 hat Elisabeth Burgener das Präsidium von Caritas Aargau übernommen. Burgener wohnt in Gipf-Oberfrick, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter.
Hat Ihr neues Amt Ihren Blick auf die politische Arbeit verändert?
Im Amt als Caritas-Präsidentin, in dem ich nahe am operativen Alltagsgeschäft bin, wird mir wieder neu bewusst, wie langsam der politische Prozess ist. Er ist für das Operative teilweise zu langsam. Gleichzeitig gibt es auch andere Wege, wie Entscheidungen gefällt werden. In der Zusammenarbeit mit den Gemeinden fallen Entscheide auf dem Verwaltungsweg oft rascher. Auf jeden Fall ist die Politik wichtig für die Arbeit der Caritas.
Gerade sind in der Politik Fragen aktuell, die zum Kernthema von Caritas gehören.
Ich bin gerade in ein Jahr eingestiegen, in dem die Armutsthematik ein politisches Thema geworden ist. Die Prämienentlastungsinitiative, zu der sich Caritas Schweiz und auch Caritas Aargau klar bekennen, gehört zu unserem Kernauftrag: Sie dient der Entlastung von Armutsbetroffenen.
Welche Chance bietet das für die Arbeit der Caritas?
Die Aktualität hilft, das Thema in die Gesellschaft hineinzutragen und in einen Dialog zu kommen. Das Resultat zur AHV-Initiative im März war ein klares Zeichen, dass eine Mehrheit die Schere, die immer weiter auseinandergeht, nicht mehr will. Die AHV ist ein solidarisches Projekt und ich habe den Begriff «Solidarität» schon lange nicht mehr so präsent erlebt, wie in der AHV-Debatte.
Merkt die Caritas die zunehmende Belastung durch die allgemeine Teuerung?
Wir stellen fest, dass die Anfragen für Beratungen zunehmen. In unseren Beratungen haben wir einen Mix an verschiedenen Menschen, die durch die Teuerung belastet sind: Leute, die im Dienstleistungsbereich arbeiten, Familien mit Kindern, die in die Ausbildung kommen. Und Menschen mit Migrationshintergrund, die wissen wollen, wie sie ihre Situation lösen sollen. Der Druck nimmt zu.
Wer oder was ist schuld daran, dass die Schere sich weiter öffnet?
Es ist komplex. Es ist eine gesellschaftliche Entwicklung: Wir haben einen relativ hohen Lebensstandard. Dieser ist ein Stück weit gegeben, eigentlich bräuchten wir ja von allem weniger, seien wir ehrlich. Aber wo anfangen? Das ist nicht nur ein politisches, sondern ein gesellschaftliches Thema. Und wir fahren ungebremst weiter, es machen alle mit. Deshalb ist die Frage nach Schuldigen schwierig.
Wie können wir diese Entwicklung Ihrer Meinung nach bremsen?
Wichtig scheint mir vor allem die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Frage, wo wir als Gesellschaft in zehn, zwanzig Jahren sein wollen.
Wie stark nimmt das neue Amt Sie in Beschlag?
Im Moment entspricht meine Arbeit etwas einem 10 bis 20 Prozent-Pensum, weil ich noch berufstätig in. In den nächsten zwei Jahren werde ich pensioniert und kann mich dem Amt stärker widmen. Auch vor diesem Hintergrund habe ich das Präsidium von Caritas Aargau angenommen.
Sie sind sehr vielseitig. Welche Ihrer Fähigkeiten nützt Ihnen als Präsidentin von Caritas am meisten?
Ich bin sicher sehr gut organisiert und habe gelernt, strukturiert zu arbeiten, den Überblick zu halten, meinen Tag zu organisieren. Ich bin es gewohnt und habe Erfahrung, um auf verschiedenen Ebenen agieren zu können. Was mir auch hilft, ist, dass ich gut vernetzt bin. Politische Arbeit, meine Berufsarbeit und mein jetziges Amt als Caritas-Präsidentin lassen sich alle nicht im stillen Kämmerlein erledigen. Gewisse Fleissarbeit im Büro gehört natürlich dazu, aber mit verschiedenen Menschen in Austausch zu kommen, hat mich schon immer mehr interessiert.
“Es geht nicht um parteipolitische Aussagen, sondern darum, eine Haltung einzunehmen und Stellung zu beziehen.”
Haben Sie im Alltag Berührungspunkte mit den Menschen, die Caritas betreut?
Ja, ich arbeite punktuell als Freiwillige im «Treffpunkt» in Frick mit asylsuchenden Menschen. Dort habe ich Kontakt mit Frauen und Männern, die von Caritas unterstützt werden. Als Dozentin für Soziale Arbeit an der Fachhochschule begleite ich Studierende, die Praktika bei den regionalen Sozialdiensten von Caritas machen.
Wie bringen Sie alle Aufgaben unter einen Hut?
Ich habe meine Notizbücher, die ich mit Ideen und Notizen fülle. Ich fahre viel Zug, dort kann ich mich neu sortieren. Bei Spaziergängen am Weinhang in Oberfrick sind schon viele Ideen entstanden.
Was motiviert Sie?
Gestaltungswille, Lust und Freude sind das Wichtigste. Als ich als Grossratspräsidentin mit der Politik aufgehört habe, nahm ich mir vor, ein Jahr lang kein Jöbli anzunehmen. Das habe ich auch gemacht. In diesem Warten habe ich gemerkt: Doch ich bin eine, die sich gerne engagiert. Das würde mir fehlen. Aber es darf durchaus im Laufe der nächsten zehn, fünfzehn Jahre weniger werden.
Was ist das wichtigste Angebot der Caritas?
Da kann ich nichts herauspicken, es ist alles wichtig. Was die Arbeit der Caritas auszeichnet, ist, dass sie sehr flexibel bleiben muss. Sie muss mit ihren Angeboten rasch auf sich verändernde Umstände reagieren. Das ist das, was die Arbeit der Caritas ausmacht.
Was macht Ihnen Sorgen?
Die Grosswetterlage, über die Schweiz hinaus. Der Rechtsnationalismus geht in eine ganz andere Richtung als diejenige, in die Caritas unterwegs ist.
Fremdenfeindlichkeit hat mich schon immer beschäftigt, phasenweise sogar sehr stark. Im Jahr 2016 haben einige Grossratsmitglieder zusammen mit den katholischen und reformierten Landeskirchen den «Aufstand der Anständigen» organisiert, um ein Zeichen gegen die zunehmende Fremdenfeindlichkeit zu setzen. Ich erinnere mich, wie ich am Bahnhof in Aarau stand und immer mehr Menschen ankamen, die unser Anliegen teilten. Viele davon hatten Caritas-Fahnen dabei. Das war ein starkes Bild. Es tat mir gut zu erleben: «Auch das ist der Aargau».
Mit den Themen, die in den nächsten zehn, zwanzig Jahren auf uns zukommen, werden wir gefordert sein. Die Menschen kommen einfach, wir müssen die Rahmenbedingungen schaffen, um bereit zu sein.
Macht es Ihnen im Hinblick auf die Caritas Sorgen, dass immer mehr Menschen aus der Kirche austreten?
Die Kirchenaustritte machen uns Sorgen. Irgendwo muss das Geld herkommen. Auch wir als Caritas sind betroffen, denn wir sind Teil der Kirche. Und es liegt auch an uns, den Menschen zu vermitteln, dass das, was wir machen, auch Kirche ist. Wenn ich jemandem erzähle, dass Caritas Teil der Diakonie ist, wissen viele nicht, was Diakonie überhaupt ist.
Wir leben auch von Spenden. Es ist also denkbar, dass Leute zwar aus der Kirche austreten, die Caritas aber trotzdem unterstützen. Ob das geschieht, kann ich aber noch nicht beurteilen.
Werden Sie oft mit negativen Aussagen über die katholische Kirche konfrontiert?
Ja, sehr oft. Seit ich Caritas-Präsidentin bin, ist das ein grosses Thema. Ich werde häufig auf das negative Bild der Kirche angesprochen und gefragt, warum ich da noch dabei bin.
Was hält Sie in der Kirche?
Natürlich hat die Veröffentlichung der Missbrauchsstudie auch mich erschüttert. Ich versuche aber, über diejenige Kirche zu sprechen, für die ich mit Caritas stehe. Ich versuche aufzuzeigen, warum ich es wichtig finde, dabei zu bleiben und solidarisch zu sein. Das gibt immer wieder gute und spannende Gespräche. Wie viele Menschen ich vom Austritt abhalten konnte, kann ich nicht beurteilen. Aber ich versuche, denjenigen Teil der Kirche aufzuzeigen, der in den Negativschlagzeilen unterzugehen droht.
Wichtiger Teil von Caritas Aargau sind die Kirchlich-Regionalen Sozialdienste. Diese arbeiten vor Ort sehr gut mit den Kirchgemeinden zusammen. Hier betonen wir die Verknüpfung mit der Kirche, sind mit Seelsorgenden und den Verantwortlichen in der Kirchgemeinde in Kontakt. Es ist nicht unser Weg, uns von der Kirche zu distanzieren.
Haben Sie als Caritas-Präsidentin schon Entscheidungen getroffen?
Ja, einige Entscheidungen habe ich schon getroffen. Diese betrafen bis jetzt vor allem strukturelle, vorstandsinterne Dinge. Was sicher ist, ist dass ich der Politik Platz geben und entscheiden werde, wo es Sinn macht, dass sich Caritas Aargau politisch äussert. Es geht nicht um parteipolitische Aussagen, sondern darum, eine Haltung einzunehmen und Stellung zu beziehen. Wir bewegen uns als Caritas in einem Bereich, der hochpolitisch ist.
Sie kennen sowohl die Kirche als auch die Politik von Grund auf. Welcher Aspekt ist wichtiger für Ihre Arbeit als Caritas-Präsidentin?
Vernetzung mit den Kirchgemeinden, Vernetzung mit dem Kanton, beides macht Caritas aus. Vernetzung liegt mir sehr am Herzen. Sie ist für die Arbeit der Caritas entscheidend, sie funktioniert nicht ohne Netzwerk. Beratung kann nicht isoliert erfolgen, da die Menschen nach der Beratung weiter begleitet werden und beispielsweise in den Gemeinden weitere Unterstützung erfahren. Das gefällt mir. Wenn ich die Arbeit der Caritas anschaue, entspricht sie genau der Art, wie ich mich gerne engagiere.