- In Wohlen betreiben Freiwillige einen Offenen Kühlschrank, um Food Waste zu verhindern.
- Karen Hug vom Kirchlich Regionalen Sozialdienst hilft ihnen dabei.
- Ihr Hauptgrund: Niederschwelliger Zugang zu Gratislebensmitteln für armutsbetroffene Menschen.
Rheinfelden hat einen. Aarau hat zwei. Lenzburg, Staufen und Reinach haben auch einen und seit gut zwei Monaten hat auch Wohlen einen Offenen Kühlschrank von Madame Frigo. Zu erkennen sind sie am Gehäuse aus gelben Schaltafeln. Die Idee ist einfach: Überflüssige Lebensmittel können im Kasten gekühlt oder ungekühlt deponiert werden. Erlaubt sind Obst, Gemüse und Brot. Ausserdem verschlossene Produkte, die das Verbrauchsdatum noch nicht erreicht haben. Ausser Fleisch, Fisch, Alkohol und verarbeiteten Produkten darf alles Essbare im gelben Kasten deponiert werden.
Lebensmittel für alle
«Einmal lag eine einzelne Zigarette im Kasten», erzählt Jacqueline Karrer am Eröffnungsfest in Wohlen. Sie vermutet, dass es sich dabei um eine Gegengabe gehandelt hat. Dabei wäre das gar nicht nötig. Madame Frigo ist keine Tauschbörse, sondern eher ein Zwischenlager für Ungebrauchtes, das sofort zu Gebrauchtem wird, sobald sich jemand dafür interessiert. Jacqueline Karrer kümmert sich zusammen mit sechs Freiwilligen um den Offenen Kühlschrank. Im Turnus putzt einmal pro Woche jemand aus dem Team den Kühlschrank und kontrolliert regelmässig, ob die deponierten Lebensmittel den Hygienevorgaben entsprechen.
Karen Hug hatte das Freiwilligenteam schon seit zwei Jahren beisammen, aber die Standortsuche gestaltete sich schwierig. Als sie auf Jacqueline Karrer traf, die wie sie Feuer und Flamme für das Projekt gegen Food Waste ist, hatte sie neben einer weiteren Freiwilligen auch den Standort auf dem Grundstück der Familie Karrer an der Farnbühlstrasse 50. Karen Hug ist Projektleiterin im Kirchlich Regionalen Sozialdienst (KRSD) Wohlen und kümmert sich in dieser Funktion um die Finanzierung des Projekts. Das sind zum Beispiel die Kosten für den Kühlschrank oder die jährlichen Stromkosten. Der Hauptgrund für das Engagement der Caritas-Mitarbeiterin ist der niederschwellige Zugang zu Gratislebensmitteln für armutsbetroffene Menschen. Da der Kasten von verschiedenen Menschen genützt wird – vom Sonntagsspaziergänger über die Quartierbewohnerin bis zur Kinderbande, fällt der Gang zu Madame Frigo nicht auf. Niemand muss sich schämen, alle können sich bedienen, egal wie nötig sie die Lebensmittel haben und ob sie jemals etwas hineinlegen.
Vernetzung und Zusammenhalt
An der Feier bei Wurst und Gemüsespiess erzählt eine Quartierbewohnerin, dass sie einmal Spargeln gekauft und erst danach gemerkt habe, dass sie bereits eingeladen worden sei. Die Spargeln legte sie noch am gleichen Abend in den gelben Kasten, wo sie umgehend einen Abnehmer fanden. Bei Madame Frigo gibt es aber nicht nur gesunde Sachen. Bei den Kindern im Quartier hat sich schon herumgesprochen, dass jemand immer mal wieder etwas Süsses reinlegt.
Der Leiter des Pastoralraumes Unteres Freiamt, Gerhard Ruff, ist auch an der Eröffnungsfeier dabei. Er findet die Idee grossartig und will weitere Freiwilligenteams motivieren, ebenfalls einen öffentlichen Kühlschrank zu betreiben. Interessentinnen aus Zufikon und Fischbach-Göslikon sind extra angereist, um das Wohlener Exemplar in Augenschein zu nehmen. Sie sind begeistert und wollen mit weiteren Freiwilligen und in Zusammenarbeit mit Caritas ebenfalls den Kampf gegen Food Waste antreten. Ein weiterer Grund, warum sich Karen Hug für die Kühlschränke von Madame Frigo engagiert: «Der gemeinschaftliche Unterhalt eines Kühlschranks, um Food Waste zu vermindern, ist ein super Projekt für die Vernetzung und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.»
Gemeinsam gegen Food Waste
Im Freiwilligenteam um Jacqueline Karrer hat es drei Personen, die bei «Tischlein deck dich» mitarbeiten. Während diese Organisation unverkäufliche Lebensmittel aus Läden an armutsbetroffene Menschen verteilt, hilft der Verein Madame Frigo, ungebrauchte Lebensmittel aus den Haushalten weiterzugeben. Denn fast ein Drittel des Food Waste in der Schweiz entsteht in den privaten Haushalten, das sind rund 250 Gramm Lebensmittel pro Person und Tag, was einer Summe von rund 600 Franken pro Person und Jahr entspricht. «Habt ihr den Kasten im Boden verankert?», fragt ein besorgter Gast Karen Hug. Wie sich herausstellt, arbeitet der Mann bei einer Versicherung. Man müsse immer vom Schlimmsten ausgehen, warnt der Versicherungsfachmann. Karen Hug bedankt sich für den Hinweis, winkt aber ab: «Ich will an das Gute im Menschen glauben.» Am Ende des Eröffnungsfests bleiben lediglich ein paar Würste übrig. Da diese nicht in den Kühlschrank dürfen, werden sie verteilt und Madame Frigo geht diesmal leer aus.