Flüchten heisst, bei null anfangen

  • Der Verein «treff.punkt» unterstützt geflüchtete Menschen in Wettingen und Umgebung mit Deutschkursen und Begegnungsangeboten.
  • Um die gängigen Vorurteile von arbeitsscheuen, kriminellen und gefährlichen Asylsuchenden zu widerlegen, hielten die Freiwilligen vom «treff.punkt» die Geschichten einiger Geflüchteter fest.
  • Am Anlass «Angekommen in Wettingen» erzählten geflüchtete Frauen und Männer, wie sie es trotz vieler Hürden geschafft haben, in der Arbeitswelt und in der Gesellschaft Fuss zu fassen.

«Es sind diese Geschichten, die man den Leuten erzählen muss», sagte eine Besucherin und zeigte auf die Plakate an der Wand. Auf den Plakaten stehen die Geschichten von Männern und Frauen, die aus ihrer Heimat geflüchtet und heute in Wettingen daheim sind. Etwa 120 Interessierte hatten sich im reformierten Kirchgemeindehaus in Wettingen eingefunden, um diese Menschen und ihre Geschichten kennenzulernen.

«Unglaubliche Integrationsleistung»


«Für viele Dinge haben wir eine Schublade parat, auch für geflüchtete Menschen», sagte Christa Camponovo, Vorstandsmitglied des Vereins «treff.punkt», der zum Anlass eingeladen hatte. «Asylanten machen die Bahnhöfe unsicher, brechen Autos auf und wollen nicht arbeiten – kurz: Geflüchtete sind faul, kriminell und gefährlich», fasste Camponovo die Vorurteile zusammen. Umso wichtiger sei es, dieses Negativbild zu korrigieren und die unglaubliche Integrationsleistung der Menschen zu würdigen, die an diesem Abend ihre Geschichte erzählten.


Der Verein «treff.punkt» Wettingen
erleichtert Geflüchteten den Alltag mit Deutschkursen und Begegnungsangeboten. Die Räume stellt die katholische Kirchgemeinde Wettingen kostenlos zur Verfügung. Kontakt: , T 056 221 62 55.

Die Flüchtlingstage 2024
stehen unter dem Motto «Kind sein dürfen, auch nach der Flucht». Vom 14.-16. sowie am 22. Juni finden verschiedene Aktionen im Aargau statt. www.fluechtlingstage-aargau.ch

Mahdi, Iryna, Zikrullah, Leila, Elie und Ghebreweldi hatten den Mut, auf Deutsch vor Publikum zu sprechen und zu erzählen, wie sie in der Schweiz noch einmal ganz von vorne anfangen mussten. Die Männer und Frauen sind vor Krieg oder Unterdrückung aus ihrer Heimat geflohen. Nach der Ankunft in der Schweiz mussten alle mehrmals umziehen, die Ungewissheit, das Untätigsein und Sorgen um Zurückgelassene machten ihnen zu schaffen. Alle bemühten sich, möglichst rasch und gut Deutsch zu lernen und arbeiten zu dürfen. Sie alle schafften es, die Hoffnung zu behalten.

«Ich bin zufrieden»

Iryna ist im April 2022 aus der Ukraine in die Schweiz gekommen. «Es war schwierig, im Alter von 50 Jahren noch einmal ganz von vorne anzufangen», erzählte sie. Alles, was sie sich in der Ukraine erarbeitet hatte – die Stelle als Informatikerin, ihr Zuhause, die finanzielle Unabhängigkeit, der Freundeskreis – war auf einmal weg. Sehr schwierig sei, nicht zu wissen, ob und wann der Krieg in ihrer Heimat aufhöre. Deshalb habe sie sich zum Ziel gesetzt, ihr Deutsch weiter zu verbessern. «Und ich würde mich gerne ehrenamtlich engagieren.» Elie Antar, der 2015 aus Syrien in die Schweiz gekommen ist, hat hier eine Lehre als Elektroinstallateur gemacht und sagt: «Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben da. Ich hoffe, irgendwann anderen helfen zu können, so, wie sie mir geholfen haben.»

Leila stammt aus dem Iran. Vor fast zehn Jahren flüchtete die Alleinerziehend mit ihren damals noch kleinen Kindern in die Schweiz. Hier angekommen, musste sie innerhalb von vier Jahren siebenmal umziehen, bevor sie in Wettingen ein Zuhause fand. Auch die Arbeitssuche war – trotz Bachelor- und Masterstudium im Iran – voller Hürden. Heute hat Leila eine Arbeit, die ihr gefällt, ihre zwei Jungen besuchen die Kantonsschule. «Als Mutter musste ich stark sein, so habe ich die lange Ungewissheit ausgehalten», sagte sie.

Sprache und Arbeit sind wichtig

So unterschiedlich die Geschichten auch sind, zeigen sie doch zwei Dinge deutlich auf: Der Schlüssel zur Integration ist die Sprache, und eine Beschäftigung zu haben, ist essentiell. «Ich musste lange auf die Anerkennung als Flüchtling warten. In dieser Zeit durfte ich nicht arbeiten, das war sehr schwierig», sagte Ghebreweldi, der aus Eritrea stammt.

Die Wartezeiten für einen Asylbescheid und die Arbeitssuche sollen ab Juli 2024 kürzer und einfacher werden, stellte Gabriela Peterhans in Aussicht. Die Leiterin der Sozialen Dienste von Wettingen gab zusammen mit Gemeinderat Markus Haas, Leiter Ressort Soziales und Gesundheit, Einblick in die Tätigkeiten der Gemeinde im Flüchtlingsbereich. Die grösste Herausforderung sei momentan, genügend Wohnraum zu beschaffen und genügend Deutschkurse anbieten zu können. In diesem Bereich seien sie froh um jedes freiwillige Hilfsangebot und dankbar für die wertvolle Arbeit von Vereinen wie «treff.punkt», betonten die Behördenvertreter. Peterhans schloss: «Den grössten Anteil an der erfolgreichen Integration haben die Geflüchteten selbst mit ihrem Durchhaltewillen erbracht.»