- Am Nationalfeiertag singen Schweizerinnen und Schweizer vielerorts die Nationalhymne.
- Ein Gespräch mit dem emeritierten Professor Wolfgang W. Müller über den sogenannten Schweizerpsalm.
Wie gehen Sie vor, wenn Sie eine musikalische Komposition theologisch betrachten?
Wolfgang W. Müller*: Bei der Musik gibt es den doppelten Aspekt des Machens und des Hörens. Zuerst höre ich mir das Stück an und achte auf die Kompositionstechnik und die Biografie des Komponisten. Vor allem aber möchte ich die Musik sprechen lassen. Ich will nicht in sie hineinlesen, sondern aus ihr heraushören.
Was hören Sie aus den Stücken denn heraus?
Bei der Musik geht es um Ästhetik! Für mich spricht die Musik eine eigene Sprache. Ich gehe der Frage nach, was sie ausdrückt und wie Komponisten den Stoff behandeln. So gibt es beispielsweise ein Werk zur Perikope, in welcher Jesus den Seesturm besänftigt. Es handelt sich um Musik ohne Worte, aber der Inhalt der Geschichte ist wiedererkennbar. Die Musik bietet einen anderen Zugang zur Glaubenstradition.
Der Schweizerpsalm, der sich im katholischen Gesangbuch befindet, ist zugleich die Schweizer Nationalhymne. Was fällt Ihnen auf, wenn Sie dieses Werk betrachten?
Der Schweizerpsalm ist eine gelungene kulturelle und eidgenössische Leistung! Darin verbinden sich die Musik des katholischen Mönchs Alberik Zwyssig und der Text des reformierten Zürchers Leonhard Widmer. Es ist eine Synthese, die die Schweiz damals brauchte. Eine Versöhnung der beiden Konfessionen, die für die Gründung des Bundesstaats 1848 nötig war. Das kommt auch darin zum Ausdruck, dass sich der Text nicht auf eine Person, sondern auf das Volk bezieht.
Wie werten Sie den Schweizerpsalm musikalisch?
Kompositorisch atmet der Schweizerpsalm den Geist Schuberts, und die Symbolik der Natur erinnert an die «Schöpfung» von Haydn. Im Vergleich zu anderen Nationalhymnen fällt mir auf, dass es sich beim Schweizerpsalm nicht um einen Marsch handelt. Das macht ihn pazifistisch.
In jeder Strophe wird Gott genannt, jedoch nicht als der Dreifaltige. Wie ordnen Sie diese Gottesbezeichnung ein?
Es ist eine profane Musik mit spirituellen Elementen. Die Verbindung von Gott und der Natur geht schon fast in die Richtung des Pantheismus. Zugleich ermöglicht es dieser Gottesbegriff, dass er auch für Menschen annehmbar ist, die anderen monotheistischen Religionen zugehörig sind.
Und wie verhält es sich Menschen gegenüber, die den Begriff «Gott» gar nicht in der Nationalhymne haben möchten?
«Gott» ist die grösste transzendentale Klammer, die eine Gesellschaft machen kann. Damit ist kein Bekenntniszwang verbunden, vielmehr kann das auch säkular gelesen werden.
2015 veröffentlichte die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft zur bestehenden Melodie einen neuen Text. Darin wird statt auf Gott auf das Kreuz Bezug genommen. Warum konnte sich dieser Text bisher nicht durchsetzen?
Zum einen ist es nicht einfach, etwas Bestehendes zu ersetzen. Der Schweizerpsalm atmet den eidgenössischen Geist. Nur schon die Tatsache, dass er 1841 komponiert, aber erst 1961 zur provisorischen und 1981 dann zur offiziellen Schweizer Nationalhymne erklärt wurde, passt zur Schweiz. Zum anderen scheint der Text heute noch eine grosse Akzeptanz in der Bevölkerung zu haben. Zugleich würde ich bei diesem neuen Textvorschlag zu bedenken geben, dass das Kreuz auch nicht wertneutral ist, obschon es hier auf das Schweizer Kreuz Bezug nimmt. Das Kreuz ist nicht nur, aber auch, ein christliches Kreuz. Und damit verbunden sind Grundwerte, die in der heutigen Eidgenossenschaft noch immer Gültigkeit haben.
Wolfgang W. Müller ist emeritierter Professor für Dogmatik und war bis 2021 Leiter des Ökumenischen Instituts an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern. Müller hat zahlreiche Publikationen zu Theologie und Musik verfasst.